Blues

sogniefollie_roma Foto: Rom / Monte verde  2018 /sogni e follie   ( Träume und Torheiten)
Den Text habe ich 2003 geschrieben.

Seine Haare waren nass vor Schweiß, aber seine Krawatte saß immer noch perfekt. Blau schien seine Lieblingsfarbe, denn ich sah ihn noch nie mit einer anderen. Blauer Pullover, blaue Jean, blauer Anzug, blaues Hemd, blaue Krawatte. So eintönig schien er mir gar nicht mehr, wenn ich mit ihm sprach. Seine blauen Augen waren frech, seine Sprüche cool und manchmal über ihr Ziel hinaus schießend. Wenn er nicht immer so verspielt dazu lächeln würde, könnte man ihm fast böse dafür sein. Er sagte auch ziemlich Ungewohntes, zumindest für mich, wie: Wenn du dort vorbeischwebst, kannst du mir dann die Zeitung mitbringen. Mit dem Wort „schweben“ hat er jede Frau um den Finger gewickelt und das weiß er. Ich möchte nicht wissen, wie oft er dieses Wort leider auch in den unpassendsten Fällen gebraucht, und wie oft er dafür eine fängt, aber bei mir kam das gut. Ich fand das passte zu mir. Wie jede andere Frau war ich leicht zu durchschauen. Ich brachte ihm natürlich alle Zeitungen, die ich finden konnte und er bedankte sich mit einem „Du bist die Beste“ und ich glaubte ihm natürlich , obwohl mir selbstverständlich gleichzeitig bewusst war, dass das nur ein Spruch war. Dennoch, manches glaubt man lieber als anderes.

Abseits von seinem, wenn man es genau nimmt durchschnittlichem Charme (ich war nur so ausgehungert nach netten Männern) war er gerade zutiefst verzweifelt. Er lebte mit einem Freund in einer Wohnung. Der Freund war für zwei Monate nicht da. Die Eigentümerin war auf Selbstfindung in Indien und man weiß natürlich nie, wie lange soetwas dauert. Hinterlassen haben sie ihm Langeweile und zwei Katzen. Er hasste Haustiere und vor allem die nicht ernst gemeinte Liebe, die sie ihm entgegenbrachten, wenn sie Hunger hatten und dabei einen Teil ihres Fells an seinem dunkelblauen Anzug abstreiften. Beide Katzen waren so gut wie weiß, abgesehen von ein paar hellbraunen Flecken, optimal sichtbar auf jeder Art von Blau. Ihre Beziehung schien sehr unglücklich zu verlaufen, vielleicht hatten sich aber auch die beiden Katzen untereinander gestritten, oder es ist ein zu erahnendes Futter am Fenster vorbeigelaufen, oder die Katze wollte selbst erproben, ob es stimmt das wirklich alle Katzen immer auf ihren Füßen landen, oder sie wollte einfach eines ihrer sieben Leben aufs Spiel setzen, denn wofür braucht man die denn alle. Vielleicht wollte sie sterben oder sie war einfach ausgesprochen dumm. Sie sprang aus dem 4. Stock und liegt jetzt auf der Intensivstation. Ich hoffe sie hat ein eigenes Zimmer. Die rettende Operation würde, nachdem man ja nicht regelmäßig Krankenversicherung zahlt, 500 Euro betragen. Herr Blau kann die Mutter dieser Katzen nicht fragen, weil jemand, der nicht einmal sich selbst findet, eigentlich unauffindbar ist. Er selbst wäre dankbar für die Hälfte an Futterkosten und die Hälfte an Haaren an seinen Hosenbeinen. Es dauerte nicht lange, die Entscheidung war schnell gefällt. Sterbehilfe. Wenn sie einem schon so deutlich zeigt, dass sie nicht mehr leben will, dann soll man sie nicht künstlich am Leben erhalten. Der Katzenmutter erzählt man, die Katze starb sofort, sie musste nicht leiden, sie hatte sicher keine Schmerzen. Er spart sich 5oo Euro, für die man weitaus Besseres bekommen kann und bestellt sich sein sechstes großes Bier. Er ist wieder sehr mit sich zufrieden.

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