WÖLFE HEULEN NICHT

smiley

Am nächsten Morgen bin ich sehr früh aufgestanden, habe mich an den Fluss gesetzt und den Sonnenaufgang betrachtet. Frische Luft lässt sich leichter atmen. Genauso frisch gehe ich ins Atelier, koche mir einen Kaffee, esse dazu ein frisch gebackenes Croissant und fühle mich wie ein frischgebackener Star. Die größte leere Leinwand im Raum ist 2x2m. Gerade groß genug für meine Erwartungen. Das Weiß, die Leere beängstigt mich nicht mehr. „Wir sitzen alle in einem Boot“ ist der Titel dieses Bildes. Wer sind „wir“? Die Asche meiner Zigarette fällt auf die Farbpalette. Alles Leben wird zur Asche. Das Leben verlischt, die Glut verglüht, es erkaltet und kann ohne Luft nicht weiterexistieren. Die Zigarette braucht die Luft um weiter zu brennen, ich brauche die Zigarette um noch tiefer Luft zu holen, wir teilen uns die Luft zum Leben. Mit der weißen Leere vermischt bringt die Asche eine neue Farbe ins Leben. Ich nehme einen Pinsel, setzte ihn in der Mitte der Leinwand an. Die Türglocke läutet, ich zucke zusammen, meine Hand geht einen unbedachten Weg. Bevor ich daran denke die Tür zu öffnen, sehe ich mir den Strich genauer an. Ich bin „ausgezuckt“, ich habe die rechte Hälfte eines Herzens gezeichnet. Ein Zeichen. Es klingelt. Ein zweites Mal. Diesmal Sturm. Corinna wollte vorbeischauen. Ich freue mich und öffne die Türe. A., hektischer als sonst, schiebt mich beiseite und rennt ziellos im Raum auf und ab. Er bleibt abrupt vor der Leinwand stehen.

S: Siehst du meine Hälfte des Herzens?

A: Ich sehe nichts.

S: Das Nichts ist weg, erfüllt.

A: Träume. Ich habe schlecht geträumt und jetzt bin ich wach.

S: Nicht wach genug.

A: Ich wurde verfolgt, sie haben mich aber nicht erwischt. Eigentlich war ich zu schwach um wegzurennen, doch meine Verfolger waren kleiner und konnten sich nur in Zeitlupe bewegen. Ich war im Vorteil.

S: Vielleicht war das zu deinem Nachteil. Sie hätten möglicherweise eine Nachricht für dich gehabt.

A: Wie hätte sie lauten sollen. „ Habe keine Angst, wir lieben dich!

S: Dann hast du sie verstanden.

A: Hast du eine Zigarette für mich.

S: Ich habe auch Feuer.

A: Danke!

So verraucht die Zeit und wir haben uns nichts zu sagen. Ich stelle den Kaffee auf, mache Musik und warte. Sein Handy läutet, er verabschiedet sich mit „bis dann“ und geht. Corinna hätte diesen Ort nie verraten dürfen. Er passt nicht hierher. Ich wollte ihm diesen auch nie zeigen, weil ich ihn nie mit ihm teilen wollte. Ich ahnte, dass er das Herz nicht verstehen wollte. Noch einmal wende ich den Blick auf den Schwung des Pinsels, nehme ihn in die Hand und setze einen Punkt darunter. Ein Fragezeichen? Das Produkt dieses Geschehnisses gefällt mir. Ich muss schmunzeln. Eine 2x2m große Leinwand. Ein halbes Herz als Fragezeichen und der Titel „Wir sitzen alle in einem Boot“. Gemalt auf dem Nichts der Unschuld, mit reinem Wissen, vermischt mit dem zur Asche gewordenen Feuer im Herzen. Ich wusste, dass uns nichts mehr verbindet, verbinden kann. Wie sollte auch „nichts“ etwas bewirken. Corinna kam nicht mehr vorbei. Ich habe sie beide nie mehr gesehen und hatte viel Zeit zu malen. Ich male die Zeit die bereits vergangen und die Zeit, die ich glaube noch vor mir zu haben. Weihnachten, Sylvester, Fasching, Frühlingsbeginn, Schnee von gestern. 3 Monate sind vergangen. 33 Bilder sind fertig. Ich bin 33 Jahre auf dieser Welt und träume von meiner Weltausstellung. Mir fehlt der Raum und die richtige Zeit, aber ich bin glücklich. Ich fühle mich frei. Ich nehme mir diese Freiheit in meiner eigenen Welt zu leben, nach meiner eigenen Zeit, in meinem eigenen Raum, und beschließe meine eigene Weltausstellung. Meine Freunde haben mich in all den 3 Monaten nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Ich lade sie am 33. März, das wäre der 2.April, in mein Atelier ein und lasse alles so wie es und auch dort wo es entstanden ist. Die Welt gehört mir. Für einen kurzen Moment habe ich gedacht es wäre so. Ich wäre wirklich frei mein Leben zu bestimmen. Ich könnte mir alles neu erschaffen, neu ausmalen. In meinem Kopf, in meinem Herzen. Ich dachte es wäre mein Leben, aber es gehört mir nicht. Ab dem Moment, an dem ich anfange zu leben, liebe ich, und sobald ich liebe gehöre ich denen, die ich liebe und sie bestimmen mich. Ich höre ihre Stimmen aber verstehe sie nicht. Es ist mutig sich auf andere einzulassen. Man lässt sie ein. Sie suchen in dir und finden was sie brauchen. Machen. Fühlen Macht. Drehen und wenden dich, wie sie wollen. Sie greifen sich dein Herz und drücken zu. Möglicherweise beschützen sie es manchmal, sind vorsichtig, berühren es nur sanft, dann ist einem warm ums Herz. Mir ist kalt, ich heize ein. Draußen hat es noch einmal geschneit. Alles ist weiß. Wer weiß, wie lange noch. Ich möchte Spuren hinterlassen, ich möchte, dass man mir folgen kann. Wohin und wie weit werde ich gehen. Ich habe Zeit. Nur wofür weiß ich noch nicht so genau. Um mich von innen aufzuwärmen zünde ich mir eine Zigarette an. Sie ist mir eigentlich zu stark. Es ist für heute meine erste. Die Erste schmeckt mir eigentlich nie, es wird mir schwindlig, ich fange an zu husten, es stört mich, dass meine Finger nach Tabak riechen und beschließe wie jeden Tag zum Rauchen aufzuhören. Ab der dritten gewöhne ich mich daran und nach einer Schachtel bestelle ich die zweite und das mache ich jetzt schon so seit drei Jahren. Angefangen hat alles mit 30. Ich wollte etwas verändern. Nach langer Überlegung und nach dem ich in Gedanken einige Möglichkeiten durchspielte, schien es mir am einfachsten mein „Sauberimage“, da ich auch keinen Alkohol trinke, immer früh aufstehe, vegetarisch esse, Sport mache, mich viel an der frischen Luft bewege, ordentlich und konsequent bin usw., des weiteren möchte ich aber nicht näher darauf eingehen, loszuwerden, indem ich Marlboro-Raucherin wurde. Zwei Wochen später entschied ich mich für die „lights“ Variante und war mit einem Schlag schon etwas weniger cool. Als nächstes musste ich mein Outfit ändern. Eine schwarze Lederjacke und Bikerboots mussten her. Monatelang fiel mir nichts besseres ein. Lang genug um mich und andere daran zu gewöhnen. Diese oberflächliche Coolness brachte mich aber nicht wirklich weiter. Der nächste Versuch mich abzuhärten scheiterte ebenfalls, aber machte mich zumindest nicht süchtig. Von vier Schnäpsen wurde mir übel und ein Joint tat den Rest. Geistig fühlte ich mich wie zwölf, körperlich wie achtzig. Grundsätzlich genierte ich mich ausschließlich dafür meine Coolness nicht mehr bewahren zu können. Jetzt wo das alles überstanden ist, suche ich wieder einmal nach einer Methode mein Leben zu ändern. Als erstes fällt mir natürlich nur ein, zum Rauchen aufzuhören. Diesmal erkenne ich rechtzeitig, dass ich es mir nicht so einfach machen kann und rauche weiter. Außerdem scheint es mir als könnte ich mich besser konzentrieren, wenn ich bewusst intensiv ein – und ausatme, und dabei verloren wirkend in eine Richtung schaue um zu verhindern den Rauch in meine Augen zu bekommen, und wiederum versuche ich einfach nur cool zu sein. Es geht wie immer eigentlich um etwas ganz anderes. Ich stehe verloren im Raum und zünde mir eine Zigarette an. Es sind fast alle zu meiner Ausstellung gekommen. „Meine Welt“ ist so voll, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich diese Menschen alle kennen wollte. Es fällt mir auch nicht ein was ich mit ihnen reden sollte. Nach dreimonatigem Schweigen nicht verwunderlich. Mein Glücksgefühl war verschwunden. Ich sehnte mich nur danach wieder allein zu sein um weiter zu malen. Meine treueste Isi hat sich wieder einmal mehr um meine Gäste bzw. meine Freunde gekümmert als ich. Sie hat, glaube ich, auch einmal nach roten Punkten gefragt. Geantwortet habe ich sicher nicht, denn ich will eigentlich nie verkaufen. Meine Bilder gehören in meine Welt.

I: Gratuliere meine Süße. Du hast ein Bild verkauft und er sieht gut aus!

S: Was?…. Welches?……. (Isi hört nicht auf zu grinsen.) Wer?……… Hallooo!!!!! Bekomme ich eine Antwort?

I: Ich glaube schon!

S: Isi, du machst mich wahnsinnig!…..

Irgendjemand sieht mich die ganze Zeit an. Ich spüre diese Augen. Isi dreht sich um und verschwindet wortlos. Ich hasse es, wenn sie das tut. Diese Augen sind immer noch da. Ich habe Angst hinzusehen und rühre mich nicht von der Stelle. Lächerlich. Er lächelt mich an. Ich werde rot. Super, genau so habe ich mir das vorgestellt. Blamiere dich gleich zu Anfang, dann kannst du den ersten Eindruck nie mehr wieder zerstören. Stottern wäre jetzt genau das Richtige. Er gefällt mir. Sehr. Es sind seine Augen. Sie versprechen einiges aber nicht nur mir. Ein Abenteurer, ein Weiberheld, einer, der mir gerade noch gefehlt hat. Hoffentlich hat er eine piepsende Stimme. Das könnte die Situation und vor allem aber mich noch retten. Wir schauen einander nur an. Keiner spricht. Hofft er auch auf eine piepsende Stimme. Mir wird heiß.

Er: Soll ich kurz das Fenster öffnen? (Die Stimme klang sehr warmherzig)

Woher weiß er, dass mir heiß ist. Habe ich Schweißperlen im Gesicht, Schweißflecken unter den Armen. Das kann ich ja jetzt schlecht überprüfen.

S: Ja, gerne………(piepsend, jetzt muss ich noch etwas hinzufügen, dass er merkt, dass ich normalerweise eine tiefere Stimme habe, aber was sage ich.) Welches Bild hast du gekauft! (Na, das war ja direkt!)

Er: (lächelt) Das Fragezeichen.

S: (Hör auf zu lächeln, dann höre ich auf rot zu werden) Das freut mich……..ich meine, es gibt eine Geschichte zu diesem Bild, die passt irgendwie zu…….ich meine….. warum gerade das Fragezeichen.

Er: Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Es hat mir einfach gefallen. (Er gab mir diesen vielsagenden Blick, dass ich ihm auch gefallen würde.)

S: Ich muss kurz nachsehen, ob noch genug zum Trinken da ist. Wir sehen uns! Ciao!

Noch länger hätte ich das nicht durchgehalten. Da rannte ich in meiner Lederjacke, zerrissenen Jeans und Bikerboots davon und fühlte mich eher wie ein zwei Zöpfchen tragendes Mädchen im Blumenkleid. Ein Mädchen, dass ihre Schüchternheit hasste. Den sehe ich nie wieder. Schade! Ich fand mich auf der verschneiten Strasse wieder. Endlich war es wieder ruhig um mich herum. Mein Atem wurde auch ruhiger, meine Ohren und Wangen kühlten ab. Mein Herz schlug langsamer. Aber ich schämte mich. Hoffentlich fragt Isi nach seinem Namen, seiner Telefonnummer. Ob er eine Freundin hat, ob er mich trotzdem mag…….Scheiße. Ich habe mich verliebt. Auf alle Fälle werde ich es ihm nie sagen. Das wäre ein schlechter Anfang. Als ob ich es im Griff hätte. Hilfe!!!! Ich brauche sofort ein Gänseblümchen………..Eine Schachtel Zigaretten tut es auch. Nur mehr drei drinnen. Schon wieder viel zu viel geraucht. Auch gut. Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich……

I: Hey, Salome, spinnst du? Was machst du da? Du magst zwar deinen ersten richtigen Frühling erleben, aber das passiert nur in deinem verdrehten Kopf. Komm rein, es ist saukalt. Du fröstelst.

S: Okay, okay……Ist er noch da?

I: Nein, natürlich nicht, du rennst einfach davon, lässt ihn stehen und fragst dann noch so unschuldig. Ja, ich habe ihn gefragt, aber das erzähle ich dir jetzt sicher nicht. Vielleicht morgen.

S: Komm schon!

I: Vergiss es, ich bin sauer auf dich.

S: Ich weiß, aber was soll ich machen. Ich konnte nicht anders. Sei bitte nicht böse auf mich.

I: Gehen wir. Es sind noch genug Leute oben und du bleibst zur Strafe bis zum Schluss.

S: Mach ich.

Es hat noch ziemlich lange gedauert. Ein zweites Bild habe ich an eine gute Freundin verkauft, mit der Option, dass ich es mir jederzeit bei ihr ansehen durfte. Wir waren gemeinsam auf einem Konzert. Die Bühnenshow war so eindrucksvoll, dass ich sogar noch Monate später ein Bild davon malen wollte. Isi und ich haben sicher, nachdem alle gegangen waren noch zwei Stunden zusammengeräumt. Wir sind beide auf der Couch eingeschlafen, trotzdem ich versucht hatte ihre Müdigkeit auszunützen und Informationen aus ihr rauszuquetschen. Ich wartete vergeblich auf eine Antwort und schlief ein. Aufgewacht bin ich nach ihr. Der Kaffee roch stärker als der kalte Rauch und ich sprang sofort auf um schnell an den Frühstückstisch zu gelangen. Isi war immer noch irgendwie sauer, aber ich weiß gar nicht, ob es so sehr mit mir zu tun hatte. Allerdings wusste ich, dass in der Früh ein schlechter Zeitpunkt war, sie danach zu fragen. Ich persönlich hatte mich wieder etwas beruhigt und konnte wieder so halbwegs klar denken. Mir war klar, dass ich mich viel zu schnell verliebt hatte, ich kannte ihn ja gar nicht und war jetzt auch nicht mehr so neugierig sofort alles über ihn zu wissen. Mein Gefühl verriet mir, dass ich ihn bald wieder sehen würde und es würde geschehen was geschehen musste. Bis jetzt konnte ich mich immer auf mein Gefühl verlassen. Es war an der Zeit Isi zu verwöhnen und aufzuheitern. Wie, war mir noch nicht ganz klar.

S: Lass uns einen Spaziergang machen. Irgendwo eine Ausstellung besuchen. Einen Kaffee trinken. Ganz „easy“, und dann erzählst du mir was los ist. Meine Unfähigkeit bist du ja schon gewöhnt, ich kann also kaum der Grund dafür sein.

I: (kaum hörbar) Lass mich in Ruhe!

S: Okay!

Ich wusste ja, dass es schwierig wird. Aber diesmal scheint die Krise besonders ernsthaft zu sein. Da steckt sicher ein Mann dahinter. Aber welcher? Den wahren Grund habe ich nie erfahren. Sie hatte mir einen Zettel mit seinem Namen und seiner Telefonnummer hinterlegt. Um dieser Versuchung weiterhin zu widerstehen, habe ich beides vernichtet. Ich ging alleine in eine Ausstellung. Vorerst gelangweilt und unkonzentriert, blieb ich plötzlich an einem Bild einer dunkelhaarigen Frau, die sehr traurig schien, hängen. Mir fiel immer nur das Wort „Kunstraub“ ein, und wenn er aus dieser Motivation heraus entstehen würde, unbedingt ein gewisses Bild mit nach Hause nehmen zu wollen, dann konnte ich das an diesem Tag zum ersten Mal verstehen. Es brannte sich in mein Gehirn ein, der Gesichtsausdruck, die Farben, ihre Hände, ihre Coolness, ihr Leben und ihr Geliebter. Ich blieb davor stehen, fasziniert und dachte eigentlich gar nichts mehr. Ich fühlte. Meine Beine wurden müde, ich setzte mich am Boden. Der Wärter ließ mich solange bis er die Ausstellungsräume schließen musste. Es waren fünf Stunden vergangen und ich war noch müder geworden, ging nach Hause und legte mich ins Bett und träumte. Ich saß in einem Flugzeug. Mein Laptop flog aus dem Fenster. Die Stewardess, die sich zuvor schon fast übertrieben liebevoll um mich gekümmert hatte, sprang nach. Ich hielt das für eine ziemlich übersteigerte Reaktion. Tatsächlich holte sie den fliegenden Laptop ein, öffnete ihn und versuchte mit dem Bordcomputer im Flugzeug zu kommunizieren, damit er die gleichen Koordinaten ansteuert und sie wieder ins Flugzeug einsteigen kann. Das konnte ich gut verstehen, denn sie hatte natürlich keine Zeit mehr, sich einen Fallschirm anzulegen. Von meinem Sitz aus, sah das Ganze sogar ziemlich gemütlich aus. Man hatte ihr ein aufblasbares Kissen nachgeworfen, auf dem sie im Schneidersitz saß. Allerdings ging sich der Wiedereinstieg in das Flugzeug nicht mehr aus. Am Boden gelandet, war ich plötzlich die Stewardess und ich wurde nicht für meinen Einsatz gelobt, sondern verfolgt. Ich nahm an, dass sich wichtige Daten auf der Festplatte meines Laptops befanden, ich hatte nur keine Ahnung welche. Ich fühlte mich in großer Gefahr und musste so schnell wie möglich fliehen. Unterwegs, erschöpft, denn wie immer konnte ich nicht so schnell laufen, wie ich wollte, traf ich zwei ziemlich gut aussehende, ausgesprochen cool wirkende Typen, und obwohl ich mir nicht sicher war in eine Falle getappt zu sein, stieg ich in ihren Jeep. Übrigens, mein Lieblingsauto im wirklichen Leben. Wir fuhren durch Südamerika, sie sprachen spanisch. Wie wenn man nur in Südamerika landen könnte, wenn man auf der Flucht war. Es wurde finster und sie schlugen vor in der einzigen Hütte weit und breit zu übernachten. Ich fürchtete mich nicht mehr. Mein einziger Gedanke war nur: „Hoffentlich gibt es eine Dusche und hoffentlich funktioniert sie.“ Diesen Gefallen tat sie mir. Das Wasser war klar, warm und sauber. Ich war rein gewaschen. Am nächsten Morgen waren die zwei Typen verschwunden und ich stand allein in der Wüste.

Ich nahm einen großen Schluck Tee aus der Thermoskanne, zog meinen Plüschleopardenmantel an und ging in den Park. Es war jetzt fast Mitternacht und ich liebte diese frische kalte Luft. Hier hatte sich der Schnee gehalten, der Teich war zugefroren und um das kitschige Bild zu vervollständigen, spiegelte sich der Vollmond darin. Ich setzte mich auf die Bank, auf der ich freien Blick zum Teich hatte und heulte den Mond an. Ich bemerkte nicht, dass ich wirklich Geräusche von mir gab, erst als mich ein älterer Mann, vor dessen Gestalt ich mich (eigentlich jeder sich) fürchten musste, mich seitlich anrempelt und fragt, ob ich mein Rudel verloren hätte. Im ersten Moment, dachte ich er meint meine Freunde.

S:„ Ich bin gerne alleine.“

Mann: „ Ah, deswegen heulst so!“

S: Ich heule nicht, ich denke nach!

Mann: Man hört´s. Schlimme Gedanken, oder?

S: Das weiß ich jetzt noch nicht.

Mann: Oh je!

Er schüttelte den Kopf und ging weiter.

Insgeheim dachte ich, er wäre noch feiger als ich, schade, vielleicht hätte er mir etwas Spannendes erzählen können, denn ich war mir sicher, dass es in einer Nacht wie dieser keine Zufälle gab. Unbewusst hatte ich ihn sicher gerufen. Enttäuscht blieb ich noch eine Weile sitzen, eigenartigerweise wurde mir in dieser Nacht nicht kalt. Ich schien weiterhin Geräusche von mir zu geben, denn er kam zurück, pirschte sich diesmal allerdings von hinten an, und ich erschrak so sehr, dass mir meine Zigarette aus dem Mund fiel. Hauptsache er hatte etwas zu lachen.

Mann: Na, meine einsame Wölfin, habe ich dich bei deinem Liebesgejaule unterbrochen.

S: Du bist mir eine Zigarette schuldig.

Mann: Ich habe uns Wodka mitgebracht. Winter, Wölfe, Kälte, Russland, Wodka, Freundschaft. Jetzt, wo ich ihn aus der Nähe sah, konnte ich erst sein junges Gesicht erkennen. Sein Kragen war hochgestellt, seine Wollmütze so tief in die Stirn gezogen, sein Mantel so aus der Mode, seine Stimme so tief, seine Art so überheblich, dass ich mir sicher war, ein Mann müsste ziemlich alt werden, um all das vorweisen zu können. Seine Zähne verrieten seine Jugend. Alles in allem war er mir ein Rätsel. Warum war er zurück gekommen, und vor allem, warum war ich sitzen geblieben, und außerdem, warum wollte ich mit ihm Wodka trinken, wo ich doch wusste, was das bedeutete. Zwei Schluck und ich musste mich verabschieden und aus war es mit der noch nicht einmal begonnenen Freundschaft.

Mann: Ich trinke normalerweise nichts, aber in einer Nacht wie dieser gibt es keine Zufälle.

Nichts kam über meine Lippen. Ich hatte schon wieder das Gefühl durchschaut zu werden, ohne dass ich es wollte. Ich wollte mein Spiel spielen und gewinnen, so aber musste ich verlieren. Er hatte angefangen. Glücklicherweise war es so dunkel, dass er mein Gesicht auch nicht genau erkennen konnte. Ich fühlte, dass ich schon wieder rot geworden war, aber überspielte scheinbar meine Unsicherheit. Ich riss ihm die Flasche aus der Hand und nahm einen ordentlichen Schluck, danach gab ich sie ihm wieder zurück und zündete mir noch eine Zigarette an. Ich bot ihm eine an.

S: Rauchst du?

Mann: Heute schon! Danke! Das hat etwas von einer Friedenspfeife.

Nicht………die Friedenspfeife, die gehörte mir, ganz allein mir. Ich war die Indianerin. Er sollte damit aufhören, so zu denken wie ich. Was bildete er sich ein. Langsam glaubte ich, dass die Situation vielleicht gefährlicher war, als sie schien. Vielleicht war der Typ nicht normal. Wenn er so dachte wie ich, konnte er nicht normal sein. Er will mich sicher nur betrunken machen. Ich wurde nervös.

Mann: Trink nicht so schnell, ich glaube du verträgst das Zeug genauso wenig wie ich. Eigentlich war das nur so eine romantische Idee. Romantisch ist vielleicht auch der falsche Ausdruck. Ich dachte mir das wäre originell.

S: Was?!

Mann: Ich kenne dich von der Ausstellung, ich habe ein Bild von dir gekauft, und als ich dich hier sitzen sah, habe ich mir gedacht, ich kann dich nicht so einfach ansprechen, und als ich gemerkt hatte, dass du mich gar nicht mehr erkennst, wollte ich auf „Dr. Schiwago“ machen. Omar Sharif gefällt dir doch sicher. (Er lächelt)

Jetzt erkannte ich ihn. Es war sein Lächeln, warum hat er das nicht schon vorher getan. Es tat mir leid, alles tat mir leid. Wie konnte ich das wieder rückgängig machen. Wie konnte ich schnell unsichtbar werden. Ich sah ihn einfach nur an und hoffte, dass mein Unterbewusstsein nicht wieder laut aufheulte. Jetzt hätte es ja einen guten Grund.

Mann: Ich……..geh´ jetzt lieber.

S: O.K……..

Mann: Also dann!

S: Ja…….., also dann!

Wiederhole einfach alles was er sagt, und er hat irgendwann das Gefühl du bist gar nicht da und er redet mit sich selbst, und keiner wird je erfahren wer du bist und was du denkst. Perfekt!!!!!! Er drehte sich einfach um und ging. Das kann er doch nicht einfach so machen. Wie soll das denn weitergehen? Wie stellt er sich das vor? Halt!!!!!!!!! Ich habe ihn einfach gehen lassen. Na super! Es gibt keine Zufälle, es gibt nur Idioten, die jede Möglichkeit schon im Keim ersticken. Schweißausbruch, Verfolgungswahn, schnellstmöglich im Flug auf der Flucht, ich weiß nicht einmal wovor, dabei habe ich Daten und Informationen und angeblich alles unter Kontrolle. Daten, die extrem wichtig sind, aber ich bleibe in der geistigen Wüste stehen und dort fürchte ich mich natürlich auch nicht, dort ist ja auch nichts… Allein, woran denke ich? Ans Duschen, wie immer. Gelungene Traumdeutung, aber zu spät. Etwas wäre noch zu klären, wer waren eigentlich diese zwei Typen im Jeep?